Kein Kriegszug ohne Wein und Weiber 

von Manfred Dietenberger, Albbruck

Belagerung von Waldshut 1468An der Waldshuter Chilbi wird alljährlich der Belagerung Waldshuts durch 16000! Schweizer Eidgenossen im Jahre 1468 gedacht. Gefeiert wird, daß die Stadt nicht eingenommen wurde und den Bürgern so die schlimmen Folgen einer Erstürmung und der darauf folgenden Plünderung und Besatzung erspart blieben. Die Waldshuter hatten aber auch so schon durch die wochenlange Belagerung genug Hunger und sogar Durst ertragen müssen. Die Schweizer hatten ihnen nach "gutem" Belagererbrauch die Brunnen und Bäche abgegraben, so daß die Waldshuter einige Zeit lang ihr Wasser unter großer Lebensgefahr direkt aus dem Rhein holen mußten. Um gefahrlos an das dringend für Mensch, Vieh und zur Feuerabwehr nötige Wasser zu gelangen, gruben sie aber deshalb schnell am ehemaligen Rheintor (heute nicht mehr vorhanden) einen tiefen Brunnen, aus dem sie das Wasser mit Hilfe einer Tretmühle pumpten. 60 Personen waren zu deren Betrieb nötig! Die Weinfässer in den Kellern der Stadthäuser waren sicher auch schon alle längst leer getrunken. An dem labten sich nicht nur die Waldshuter, sondern auch die zur Verteidigung der Stadt einquartierten Soldatenkontingente des Bilgeri von Heudorf und der Städte Breisach, Freiburg und Neuenburg.Wein und Dirnen - Belagerung von Waldshut
 Was aber leicht und oft dabei vergessen wird: den Belagerern geht's meist nicht besser wie den Belagerten! Fern der Heimat sind sie zunächst auf das angewiesen, was sie selbst zum Essen und Trinken im Troß mitführen. Am Beginn der Belagerung geht es auch den Belagerern noch recht gut, wie auch die Bilddarstellung hier beredtes Zeugnis gibt. Denn schon längst genügte den früheren ländlichen Bauernkriegern nicht nur Milch und Brei! Noch im Hochmittelalter waren kulinarische und bachantische Ausschweifungen nur dem Adel, sowie einer kleinen besitzbürgerlichen Oberschicht und dem höheren Klerus vorbehalten. Dies illustriert das aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammende Gedicht von Johannes Hadlaub, in dem der Züricher Minnesänger unter anderem das Lob des "Herbstmahls" singt: Dazu gehören nach seiner Meinung "swinin braten", Schafshirn, zur besseren Dursterzeugung besonders pikant gewürzte Würste, feines weißes Brot, Gänse, Hühner, Kapaunen, Tauben, Fasanen, Schinken, Kutteln, gebratene Därme, Mägen und Halsgekröse sowie natürlich Ströme von gutem Wein, "derz hirne rüeret"; die zecher halten sich daran, bis sie "danne genuoc" haben". Fremde Weine waren damals übrigens noch eine Seltenheit, wenngleich der Import aus der näheren Umgebung gut funktionierte. Dennoch: schon 1288 soll ein Kaufmann ein Faß "Cypernwein" nach Basel gebracht haben und ihn dort in kleinsten Portionen, das Glas für fünf Solidi (Schilling), weiter verkauft haben! Doch im Verlauf des Spätmittelalters kam nach den "besseren Herren" jetzt auch das einfache Volk auf den Geschmack. Dazu hatten unter anderem die vielen Kriegszüge der Eidgenossen beigetragen.
 Die Krieger, im Zivilstand meist junge Bauernburschen und städtische Kleinbürgersöhne, lernten in den fremden Landen Weine kennen, von denen sie zu Hause nicht zu träumen gewagt hätten. Schon 1503 beklagt sich ein eidgenössischer Chronist: von den Reisläufern (=Söldner) seien nun auch fremde Eßgewohnheiten eingeführt worden; früher habe man "me wasser den win" getrunken und sich mit Milchbrei begnügt. 1548 klagt Chronist Stumpf den totalen Sittenverfall der Eidgenossen: "Ir (=der Schweizer) speyss war fleisch, käss, anken (=Butter), ziger, milch, wildpret, fisch, obs etc. des sy alles gnuog haftend. Aber bey unseren zeyten hat man an obbestimpten Gottesgaaben nit ein begnügen, sondern alle stett, fläcken, straassen und tabernen ligend voll Kauffleut, voll frömmds weyns, voll ausslendischer geschläck, gewürtz und frömder wahr". Die vorausgegangen Kriegszüge brachten die eidgenössischen Soldaten für immer auch auf den Geschmack des Weines. 
Die Eidgenossen vor dem Laupenkrieg bei Bern Und so war es üblich, daß wann immer Eidgenossen anderen Eidgenossen zur Hilfe eilten, sie selbstverständlich erst einmal ausgiebig bewirtet wurden, bevor sie reichlich mit Wein verproviantiert, gemeinsam in den Krieg zogen. Wein gehörte zur Grundversorgung der Söldner. Für Kurzweil sorgten außerdem die mitgebrachten Dirnen, die die Bauernkrieger regelmäßig begleiteten. Doch die Belagerung von Waldshut war eine noch viel langwierigere Angelegenheit als sonst. So verschlechterte sich von Woche zu Woche auch die eigene Versorgungslage! 
Und es kam wie meist während einer Belagerung: ein Teil der Belagerer rückt in die nähere Umgebung aus, um sich das Fehlende andern Orts zu "organisieren". Dies war schon im Mittelalter weit verbreiteter "Brauch", genannt "Schadentrachten" und "Hauslaufen". Dies waren feindliche Kampfhandlungen unter der Kriegsschwelle. Beim "Schadentrachten" fügte man dem Gegner bzw. auch nur möglichen Gegner, den man nicht gerade mit Krieg überziehen wollte, materiellen Schaden zu. Beim "Hauslaufen" zog man durch die Häuser der meist wehrlosen Dörfer, oder man nahm mal schnell eine der vielen kleineren Burgen ein, oder drang in Klöster ein. Überall ging es nach dem gleichen brutalen Muster ab: egal wo man war, man schlug alles kurz und klein, trank bzw. räumte regelmäßig die Keller leer und nahm mit was nicht niet- und nagelfest, will heißen was entweder zum Essen und Trinken oder als Waffen oder zumindest später zu Geld zu machen war! 
Eidgenossen pluendern Weinberge Die Schweizer Belagerer von Waldshut taten dies zum Beispiel in Gurtweil, Indlekofen, Remetschwiel, Birndorf und Gutenburg. Das Kloster St. Blasien plünderten sie nicht. Dies aber nicht aus christlicher Rücksicht, sondern weil Abt Christoph (Christoph Edler von Greut, 1461-1482) ihnen mit einer kleinen Schar Leibeigener bis etwa nach Häusern entgegen zog, wo er den Schweizern 3.000 rheinische Gulden als "Brandschatzung" (=Lösegeld anstelle der Zerstörung des Kloster) anbot und zahlte! Darauf kehrten Eidgenossen wieder in ihre Stellungen vor Waldshut zurück.
Pluenderung der Weinkeller Am Samstag nach St. Bartholomäustag, also am 27. August 1468, fand die Belagerung durch einen Friedensvertrag seinen friedlichen Abschluß. Herzog Sigmund mußte außer dem Versprechen, die eidgenössischen Schutzstädte Schaffhausen und Mühlhausen (Elsaß) künftig in Ruhe zu lassen, auch noch 10.000 Gulden (die er allerdings nicht selber hatte und sich diese daher von den Burgundern leihen ließ und dafür Waldshut an diese Verpfändete!) als Kriegskostenersatz - zahlbar bis 22. Juni 1469 - an die Schweizer abgeben. Johann Jakob Straubhaar, seines Zeichens Stadtschreiber von Waldshut, schrieb 1641: die Eidgenossen zogen "nachdem sie von einander einen brüderlichen Abschied genommen, aus dem Lager vor Waldshut". Wie der brüderliche Abschied wohl aussah? Siehe oben!

Bilderquelle:
Burgunderchronik des Diebold Schilling (1503) Repro: Manfred Dietenberger