Die Auswanderung des Augustin Vökt

von Harpolingen

von Werner Vökt, Murg

Als Sohn des Bauern Jakob Vökt wurde Augustin zusammen mit einer Zwillingsschwester Paulina am 29. August 1829 in Harpolingen geboren. Der Namenstag des Augustin ist auf den Vortag, den 28. August festgelegt. Dem Taufeintrag folgend wurden die Zwillinge in der Nacht zwischen 00.30 und 02.00 Uhr geboren und bereits am gleichen Nachmittag gegen 15.00 Uhr in der Kirche in Obersäckingen getauft. Augustin und Paulina entstammten einer kinderreichen Familie. Zehn Kinder erlebten das Erwachsenenalter, ein elftes namens Wendelin wurde nur ca. 1 1/2 Jahre alt.
Im 21. Lebensjahr richtete Augustin am 13. Februar 1850 an das Großherzogliche Badische Ministerium des Inneren ein "Gesuch zur Erteilung der Auswanderungserlaubnis". Aus den beim Generallandesarchiv in Karlsruhe aufbewahrten Akten geht folgendes hervor:
"Ich der unterzeichnende Augustin Vökt von Harpolingen beabsichtigte nach Amerika auszuwandern. Da ich aber nach anliegendem Auszuge aus dem Taufbuch der Gemeinde Obersäckingen am 29. August 1829 geboren, zur Zeit also militärpflichtig bin, so habe ich erst von dem hohen Ministerium die Erlaubnis zur Auswanderung einzuholen. Die mit unterzeichnenden Eltern willigen zu dieser Auswanderung ein, da sie mit mir die Überzeugung hegen, dass ich in Amerika bei dort schon angesiedelten Verwandten mir eine bessere Zukunft zu gründen vermöge, als hier in meiner Heimat.
Auch sind meine Eltern, von denen ich nach dem angeschlossenen Gemeinderatszeugnisse ein Vermögen von 1.000 Gulden zu hoffen habe, bereit, falls zur Erwirkung der Auswanderungserlaubnis die Sicherheitsleistung für Stellung eines Mannes erforderlich wäre, diese Sicherheit zu leisten und mich mit den nötigen Reisemitteln zu versehen".
Bereits am 12. Februar 1850 hatte Bürgermeister Böhler von Harpolingen bestätigt, dass "Augustin Vökt, hiesiger Bürgersohn, welcher Lust hat, nach Amerika auszuwandern, von seinen Eltern ein Vermögen von eintausend Gulden zu hoffen hat".
Die Auswanderung des Augustin VöktDas auf diesem "Vermögenszeugnis" verwendete Siegel zeigt die "Hauensteiner Tanne". Harpolingen gehörte ehemals zur Einung Murg und unterstand somit innerhalb der Grafschaft Hauenstein der vorderösterreichischen Verwaltung.
Nach Aufforderung des Großherzoglichen Bezirksamtes wird seitens des Gemeinderates in Harpolingen am 4. März 1850 auf folgende Sachlage hingewiesen: Augustin Vökt habe schon zwei Geschwister in Amerika, was seine Auswanderungslust befördern mag. Des Weiteren habe der Vater des "Petenten" noch mehrere Kinder hier, wozu sein Hab und Gut nicht hinreichend sei, die selben hier im Orte zu versorgen.
Jakob (junior), ein Bruder von Augustin, der am 3. Januar 1812 in Harpolingen geboren wurde, hatte bereits im Jahre 1833 die Reise nach Amerika angetreten. Er wurde in Ohio sesshaft und gründete dort eine kinderreiche Familie. Im Jahre 1985 besuchte ein direkter Nachfahre namens Luke Feck den Heimatort von Jakob (junior) Vökt und nahm dabei auch mit mir Verbindung auf. Der Name "Vökt" hatte sich in Amerika nach der Einwanderung von Jakob aufgrund der im Englischen fehlenden Umlaute zum Namen "Feck" gewandelt.
Auf die richtige Spur kam Luke Feck, der in Columbus/Ohio wohnt, dank eines Heimatscheines, der im Frühjahr 1833 für seine Auswanderung auf Jakob Vökt ausgestellt wurde und den die Nachfahren in Amerika in Ehren hielten.

HeimatscheinIm Heimatbrief wird der 21jährige Hufschmied Jakob Vökt als ein Mann mit einer Größe von 5 Schuh 4 Zoll, mit hellbraunen Haare, guten Zähnen und einer etwas spitzen Nase beschrieben. Auf diesem Schriftstück ist auch ein interessantes Siegel mit der Umschrift "Vogtei Harpolingen" ersichtlich. In einem Zeitungsartikel mit dem Titel "Square Jaw Jake, still a mystery generations later" hat Luke Feck im Jahre 1986 beschrieben, wie er nach einigen Mühen dieVerbindung nach Harpolingen herstellen konnte. "Square Jaw" war offenbar der Übernahme von Jakob Vökt. Luke Feck schrieb unter anderem: Er (Jakob Vökt) gehörte jener frühen Welle von Deutschen an, die Cincinnati (Bundesstaat Ohio) so verlockend fanden. Er war der Großvater meines Vaters, ein grober alter Kerl, der zwei seiner drei Ehefrauen, die ihm 13 Kinder gebaren, zu Grabe trug.
Neben Augustin und Jakob Vökt sind aus dieser kinderreichen Familie auch Josef, geboren am 30. April 1810 und Helena, geboren am 11. April 1817 ausgewandert. Dies geht aus dem vom damaligen Pfarrer angelegten Familienregister hervor und ist ebenfalls anhand der Auswanderungsakten von Augustin Vökt belegt. Eine Spur von Josef und Helena in Amerika konnte bislang, auch mit Hilfe von Luke Feck, nicht gefunden werden.
Das Ministerium des Inneren in Karlsruhe teilt mit Schreiben vom 16. April 1850 dem Großherzoglichen Bezirksamt in Säckingen mit, dass "die Auswanderung des Augustin Vökt von Harpolingen aus dem Grunde der nicht erfüllten Wehrpflicht nicht zu beanstanden sei, die nachträgliche Erfüllung der Militärpflicht jedoch für den Fall, dass derselbe vor zurückgelegtem 30. Lebensjahr zurückkehren sollte, vorbehalten bleibe".
Aus den weiteren Auswanderungsakten des Generallandesarchivs in Karlsruhe geht hervor, dass Augustin mit seinem Vater Jakob (senior) am 4. Mai 1850 beim Bezirksamt in Säckingen vorstellig wurde und der Vater unter anderem folgendes zu Protokoll gab: "Ich bitte nun, meinem Sohn die nötigen Urkunden auszustellen, damit er seine Reise nach Amerika (Ohio) antreten kann. Ich gebe ihm ungefähr 200 Gulden mit".
Auf einem letzten, mit Datum vom 11. Mai 1850 versehenen Schriftstück ist vermerkt, dass nach Vorlage einer Reservierung für die Schifffahrt der Ausstellungdes Reisepasses für Augustin Vökt nichts mehr im Wege stand.
Auch das Schicksal von Augustin Vökt liegt im Dunkeln. Es fand sich bislang kein Hinweis, was aus ihm geworden ist und ob er in Amerika seinen Frieden fand. Seine Zwillingsschwester Paulina blieb zumindest der näheren Heimat treu verbunden. Sie heiratete im Jahre 1854 Ignaz Gremper von Möhlin und verstarb dort hoch betagt am 2. März 1911.