Das schlimme Jahr 1814

Militärlazarette werden eingerichtet

von Manfred Emmerich, Tiengen

Die in Riedern am Wald im August dieses Jahres eingeweihte "Friedenskapelle" erinnert an die Jahre 1813/14. Damals fanden etwa 700 österreichische Soldaten in Riedern am Wald ihre letzte Ruhestätte.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig zogen im Kampf gegen Napoleon die österreichischen Truppen durch unsere Gegend den Rhein abwärts. Unter den Soldaten brach eine Typhusepidemie aus. Die österreichische Heeresleitung musste in aller Eile eine genügende Zahl von Gebäuden zur Einrichtung von sogen. Feldspitälern (Militärlazaretten) finden. In Frage kamen hierfür nun die in Folge der Säkularisation aufgehobenen Klöster und Schlösser, die zum größten Teil leer standen, so u. a. die ehemalige Augustinerpropstei in Riedern am Wald, das Schloss in Gurtweil, das aufgehobene Kapuzinerkloster in Waldshut, das Kloster Rheinau, die frühere sanktblasianische Propstei in Klingnau, die einstige Johanniterkommende Leug-gern, das Schloss Bernau bei Leibstadt oder das Deutschordensschloss Beuggen.

Das große Sterben

Idas schloss in gurtweiln den verschiedenen Militärlazaretten wurde die Situation durch die sich schnell ausbreitende Epidemie immer kritischer. Das Schloss Gurtweil, die ehemalige Propstei, war bald überbelegt. Lagen im Dezember 1813 etwa 600 Soldaten im Schloss, so im Januar 1814 über 1000. Auch die Speicher wurden als Krankenlager eingerichtet.
sterbebuch gurtweilIm Sterberegister von Gurtweil sind im Dezember 1813 neun Sterbeeinträge von Soldaten verzeichnet, im Januar 1814 waren es um die 240.Obgleich täglich viele Soldaten hingerafft wurden, kam alle Abende Ersatz aus Frankreich an. Im Gurtweiler Sterbebuch benötigen die Einträge der gestorbenen Soldaten von Januar bis Ende März 32 Seiten. Die Soldaten waren aus Österreich, Ungarn, Polen, Slowenien, ... Das Alter lag meist zwischen 20-25 Jahren. Als Todesursache wurde vermerkt Typhus (Nervenfieber), Durchfall, hitziges Fieber, Dysenterie (Ruhr). Ab März 1814 nahm ein Spitalpater die Einträge von Toten vor.
Anfang März 1814 war in Gurtweil nur ein einziger Student der Chirurgie da; ein österreichisches Spitalkommando rückte erst Mitte März in Gurtweil an. Die toten Soldaten wurden entlang der westlichen Umfassungsmauer des Schlosses in Massengräbern beigesetzt, nach Angaben von dem damaligen Pfarrer Lukas Meyer waren es insgesamt gegen 3000.

In Klingnau, wo neben dem Propsteigebäude auch das ehemalige Kloster Sion und das Schloss als Lazarett dienten, fielen ebenfalls ca. 3000 Soldaten der Seuche zum Opfer.

Nicht nur Soldaten waren von der schlimmen Seuche betroffen, sondern auch die Bevölkerung in der Umgebung der eingerichteten Lazarette. Aus den umliegenden Gemeinden wurde Pflegepersonal in das Spital befohlen.
Wegen der Knappheit der Lebensmittel verursachte die Verpflegung der Spitäler besondere Anstrengungen. Die Bevölkerung wurde zu Lieferungen mit herangezogen. Es mussten abgegeben werden: Brot, Mehl, Grieß, Kartoffeln, Fleisch, Butter , Schmalz, Gemüse, aber auch Bettzeug, Strohsäcke, Kerzen, Öllampen, Suppenschüsseln und Gelten (Holzgefäße).
Es blieb nicht aus, dass in mehreren Dörfern der Typhus wütete. In Gurtweil erkrankten über 250 Einwohner, also mehr als die Hälfte der Einwohner, 27 Gurtweiler starben.
Im Sterbebuch der Pfarrei Weilheim zeigen die Einträge, vor allem die im Frühjahr 1814, dass viele Pfarrangehörige dem "Nervenfieber" erlegen sind. Das kleine Dorf Dietlingen (etwa 280 Einwohner) hatte die meisten Toten zu beklagen. Es waren 56!

gedenkkreuz in klingnauIn Klingnau erlag Pfarrer Franz Xaver Schaufelbühl, der sich sehr um die sterbenden Soldaten bemühte und sie fast täglich besuchte, im Februar 1814 der Seuche. In Waldshut starben 165 österreichische Soldaten und 120 Einwohner an Typhus, darunter waren auch sämtliche Geistliche der Pfarrei, für die dann die noch in Waldshut verbliebenen Patres aus dem Kapuzinerkloster die Seelsorge übernahmen.
Zu den Maßnahmen, die gegen die Seuche ergriffen wurden, gehörte das Bemühen um mehr Reinlichkeit, das Lüften der Zimmer oder das Verbrennen von Wacholderzweigen, damit die Luft gereinigt würde. Die Gesunden sollten sich mit Weinessig bestreichen und des öfteren daran riechen. Die Kleider der Verstorbenen waren zu verbrennen, was allerdings nicht immer eingehalten wurde. Der Physikus (Amtsarzt) aus Waldshut musste täglich nach Gurtweil. Als auch er der Seuche erlag, nötigte man Landchirurgen in die Lazarette, die dann aber bei der ärztlichen Betreuung der Zivilbevölkerung fehlten. Die Bevölkerung lebte in beständiger Angst. Angst hatte man nicht nur vor der Krankheit, sondern auch vor einer in den Lazaretten ausbrechenden und sich ausbreitenden Feuersbrunst. Es gab Klagen, das Militär würde zu fest und zu leichtsinnig die Öfen feuern.
Wenn unter den Einwohnern jemand gestorben war, durfte man die Leiche nicht zu Hause aufbahren und bei ihr beten. Der Tote musste möglichst schnell bestattet werden.
In Klingnau wurden die den Tag über gestorbenen Soldaten erst bei anbrechender Nacht mit dem Totenwagen zum Massengrab, dem "Kaiserlichen Gottesacker" außerhalb von Klingnau, gefahren, auch um der Bevölkerung den ständigen Anblick des Totenwagens zu ersparen. Die Toten sollten 6-8 Schuh (etwa 2 m) tief begraben und mit Kalk überstreut werden.

Warum das Schloss in Tiengen nicht Lazarett wurde

Miteinbezogen in die Überlegungen, wo erkrankte Soldaten untergebracht werden könnten, wurde auch das Schloss in Tiengen. Dort hatten bis 1687 die Landgrafen von Sulz gewohnt und den Klettgau regiert.das schloss in tiengen am hochrhein
Im Gegensatz zu ihnen wohnten ihre Nachfolger, die Fürsten von Schwarzenberg in Wien oder in Krumau in Böhmen und ließen ihre gefürstete Landgrafschaft Klettgau durch Regierungsdirektoren verwalten.
Das Schloss diente als Wohnung für Verwaltungsbeamte und zur Unterbringung von Ämtern. Vor 200 Jahren war der höchste Schwarzenbergische Beamte im Schloss Thaddäus von Weinzierl, Regierungs- und Kammerdirektor im Klettgau.
Im Jahre 1807 übernahm das neugeschaffene Großherzogtum Baden die Landeshoheit über die Schwarzenbergische Landgrafschaft Klettgau. Doch der Fürst von Schwarzenberg behielt als Standesherr seinen Besitz an Ländereien und Baulichkeiten, bis er diese dann 1812 an Baden verkaufte.
Der "treue" Weinzierl, weiterhin im Schloss wohnend, sorgte auch nach 1812 für die noch verbliebenen Schwarzenbergischen Belange und Fahrnisse. Für ihn und seine Familie und andere Bewohner stellte sich Ende 1813 also die Frage. Können wir im Schloss wohnen bleiben oder wird dort ein Militärspital eingerichtet?
In einem Schreiben vom 27. Dezember 1813 aus dem Hauptquartier der österreichischen Armee in Lörrach an den "fürstl. Schwarzenbergischen Herrn geheimen Rath von Weinzierl, Wohlgeboren" heißt es u. a. "dass das Schloß Thiengen für dermalen nicht belegt...Sie folglich in Ihrer Wohnung verbleiben können." Ob dabei es auch eine Rolle gespielt hat, dass der Oberbefehlshaber der österreichischen Armee, Fürst Karl zu Schwarzenberg, ein Bruder des letzten klettgauischen Landesherrn, des Fürsten Joseph zu Schwarzenberg, war ?

In Schloss in Tiengen wurde also kein Lazarett eingerichtet, doch die Bewohner von Tiengen blieben deswegen nicht von den Schrecken der Jahres 1813/14 verschont.
Vom Amt Tiengen mussten Lebensmittel nach Riedern a. W. und nach Gurtweil geliefert werden. Im Sterbebuch für das Kirchspiel Tiengen, zu dem neben Tiengen auch Unterlauchringen, Detzeln, Breitenfeld und Gutenburg gehörten, fällt der enorme Anstieg der Sterberate für das Jahr 1813, besonders aber für das Jahr 1814 auf.
Im Jahre 1812 waren es 27 Sterbefälle, im Jahre 1813 schon 45, 1814 dann 75 und im Jahr danach 24.
Den ersten durch die Seuche verursachte Sterbefall in Tiengen hat der Tiengener Pfarrer Trümmer verzeichnet: "Am 16. Januar 1814 im Alter von zwanzig Jahren gestorben Karl Rutschmann, Sohn des Melchior Rutschmann, Bürgermeister und Landschaftschirurg, und der Karolina Schmid. Am 17. Januar in der Frühe um neun Uhr nach erhaltenem ärztlichen Erlaub, wegen ansteckender Gefahr, früher bestattet."

Als im Juli 1814 in Gurtweil das Spital aufgelöst und fast geleert war, ließ das Sterben nach. Das Aufatmen unter den Menschen war groß.

Quellen und Literatur:

GLA, 224/36- Nr. 451, (jetzt StAF )
Chronik von Gurtweil (Leo Behringer, 1960), Weilheim (Hans Matt-Willmatt 1977), Klingnau (Otto Mittler, 1947)
Alle Fotos: M. Emmerich
Sterbebücher in den Pfarrgemeinden Gurtweil, Weilheim und Tiengen