Das letzte traditionelle Hotzenhaus

von Gustav Oberholzer, München

Wer durch die Lande fährt, sieht überall Baukräne stehen - alte Bauernhäuser werden zu Wohnhäusern, Reitställen, gewerblichen Arbeitsstätten usw. umfunktioniert. In den ehemaligen Bauerndörfern ist vielfach die Landwirtschaft zu Restbeständen zusammengeschrumpft; da und dort steht noch ein größerer Betrieb mit zumeist modernisierten oder neu gebauten Wirtschaftsgebäuden. Er bewirtschaftet den Großteil der Flächen, zum überwiegenden Teil als Pachtland. Daneben einige immer weniger werdende Nebenerwerbsbetriebe, die mit dem Generationenwechsel jedoch in vielen Fällen ihr Ende finden.
 Um den Kern der alten Dörfer haben sich reine Wohnhausgebiete ausgebreitet, zumeist in einem architektonischen Einheitsstil, der kaum noch regionale Züge aufweist. Es sind Häuser, die überall stehen könnten.
Damit hat die Zeit ein Ende gefunden, in der noch jede Region ihr traditionelles Haus als ihr Eigen empfand, mit seinem unverwechselbaren, über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Stil. Die regionale Vielfalt ist vielerorts in gesichtsloser Allerweltsarchitektur untergegangen.
Das gilt auch für das Gebiet der ehemaligen Grafschaft Hauenstein, in dem das alte Hotzenhaus seine Verbreitung fand. Dieses Haus war ein dem Gelände angepasster und von außen her schlichter einstöckiger Bau mit strohgedecktem Vollwalmdach, zumeist von Ost nach West ausgerichtet, mit dem Wohnteil nach Osten, der Stube nach Süden und dem Wirtschaftsteil nach Westen; dahinter hohe Bäume, um das Haus gegen Wind und Wetter zu schützen.
 Und wer die Haustüre öffnete, war überrascht, dass er zunächst einen Gang betrat, der auf drei Seiten innen das Haus umgab, Laube oder Schild genannt. Nur auf der Ostseite sind an dessen Stelle Kammern angelegt worden. Auch vor der Stube befand sich dieser Umgang, ebenfalls vor der Küche, was den Lichteinfall sehr behinderte. Doch dieser Umgang hatte den großen Vorteil, dass er einen sehr wirksamen Wetterschutz (Schild) bildete - für den inneren Teil des Hauses, der zweistöckig ausgeführt war.
Die Hauskonstruktion war sehr altertümlich, ganz aus Holz gezimmert. Auf 10 bis 15 Meter hohen Firstständern, die vom Schwellenkranz bis zum First reichten, lag der Firstbalken und an diesem hingen die Rafen, das heißt, die das Dach bildenden Hölzer. Diese reichten bis zu den Außenwänden, die ebenfalls als Ständerverband ausgebildet und mit Bohlen ausgefacht waren.
Dieses alte Haus ist der Landschaft fast vollständig abhanden gekommen. Es ist im Laufe der Zeit, vor allem im letzten Jahrhundert, zumeist stark umgebaut worden. Der innere Umgang ist zunehmend verschwunden, weil man die Räume, auch im Stallbereich, bis zur Außenwand verlängerte und diese in Stein ausführte. Dabei wurde das Dach hochgezogen, zuerst im Wohnteil, dann auch zum Teil rings um das Haus herum, so dass die Zweistöckigkeit des "inneren" Hauses voll zum Vorschein kam. Östlich der Alb ist die äußere Südwand des Umgangs mit der Zeit ganz weggefallen; das Dach wurde ebenfalls nach oben gezogen. So entstanden die heutigen Hausformen, und nur der Kenner vermag noch erahnen, wie sie sich aus der "Urform" entwickelt haben.
Auch wenn heute bei vielen Mitmenschen das historische Bewusstsein und das Wissen über das, was Beheimatung bedeutet, geschwunden ist und wir einer globalisierten und vereinheitlichten Welt entgegengehen, wird es immer auch in Zukunft Menschen geben, die nach den Wurzeln ihres Herkommens fragen werden.
Und wenn die Welt einmal so nivelliert sein wird, dass alle in ähnlichen Häusern wohnen, alle dieselbe Sprache sprechen, alle die gleiche Kleidung tragen und das Fernsehen die Freizeit fast vollständig bestimmt - wir sind auf dem Wege dahin -, dann wird man vielleicht, in einer Art Gegenreaktion, eines Tages erst richtig erkennen und würdigen, was regionale Vielfalt bedeutet. Sie ist der eigentliche Reichtum Europas!
Zu diesem Reichtum gehört auch das traditionelle regionaltypische Haus, aus dem sich die späteren Häuser entwickelt haben. Und dazu zählt auch unser Hotzenhaus! Wenn wir den nachfolgenden Generationen einige wenige Exemplare erhalten könnten, so werden sie gewiss dafür dankbar sein!
Die Welt hat sich in den letzten hundert Jahren gewaltig verändert, und der starke Wandel wird weiterhin anhalten, so dass wir uns ihren Zustand in hundert Jahren noch gar nicht vorstellen können. Deshalb sind wir aufgerufen, den Faden der Tradition nicht ganz abreißen zu lassen. Er gehört zur emotionalen Bindung an ein Stück Erde, wenn sie zur Heimat wird.
Zwei traditionelle Hotzenhäuser haben wir noch. Das eine, der Klausenhof in Herrischried, konnte 1979 in letzter Minute vor dem Abbau und der Überführung in das Freilichtmuseum "Vogtsbauernhof" für den Hotzenwald gerettet werden. Allerdings wurde er um einige 100 Meter versetzt, was für jedes Haus Verluste in der alten Bausubstanz bedeutet.
Das andere ist das Haus Frommherz in Murg-Niederhof, ein Haus im Weiler Zechenwihl, das zum Verkauf ausgeschrieben ist. Es ist mit einem Grundriss von 14 x 27 Meter wesentlich größer als der Klausenhof mit 11 x 19 Meter. Der Klausenhof spiegelt die ärmlichen Verhältnisse der Hochlagen in 900 Meter Höhe mit ihrem rauen Klima und ihren kargen Böden wider. Dort benötigte man, um überleben zu können, noch dringend einen Nebenerwerb. Das Zechenwihler Haus dagegen beherbergte einen ansehnlichen landwirtschaftlichen Betrieb in der klimatisch wesentlich günstigeren Lage von 400m und mit wesentlich besseren Bodenverhältnissen. Er konnte eine Familie wohl ernähren. Der Klausenhof allein, als kleines bescheidenes Hotzenhaus, würde ein einseitiges Bild von dieser Hauslandschaft vermitteln. Erst wenn auch das Haus Frommherz als großes Hotzenhaus zusätzlich erhalten werden könnte, bekämen wir ein authentisches Gesamtbild des früheren Wohnens und Arbeitens in dieser Landschaft.
 Das Haus Frommherz ist gegenüber dem Klausenhof ein weiterentwickelter Haustyp: die Einfahrt wurde verbreitert, um darunter die Schweineställe unterzubringen, und am Ende der Einfahrt wurde eine "Wiederkehr" errichtet. Das Haus spiegelt in der Innenausstattung die 50er Jahre wider. Und welches Haus hat noch, wie dieses, so alte Einrichtungen wie das in der Küche eingebaute Brenngerät, eine Kinder-Chunst im Elternschlafzimmer oder einen Fürbühni-Steg!

Das traditionelle Hotzenhaus - das stellt sich immer mehr heraus - ist nun nicht nur ein Haus von regionaler Bedeutung, sondern weit darüber hinaus. Dafür sprechen zwei Tatsachen:
Zehn Kilometer von Niederhof entfernt, in Gipf-Oberfrick über dem Rhein, hat die Kantonsarchäologie Aargau den Grundriss zweier Großbauten aus der Zeit um 700 n.Chr. freigelegt, das heißt, die Pfostenlöcher der damals noch im Boden stehenden Säulen. Es war - das kann man daraus ableiten - ein Firstsäulenbau mit einem inneren Umgang. Die Ähnlichkeit mit dem Hotzenhaus ist verblüffend! Denselben Grundriss zeigen Häuser, ebenfalls aus der Zeit um 700 n.Chr., die in Bayern ausgegraben wurden. Und man kann aus den ersten Aufzeichnungen des germanischen Rechts, der Lex Alamannorum und der Lex Bajuvariorum aus jener Zeit, entnehmen, dass die größeren Gebäude damals tatsächlich Firstsäulenbauten mit einem inneren Umgang waren. Man unterschied sogar zwischen einem inneren und einem äußeren Haus, was auch für das Hotzenhaus zutrifft. Es besteht nun die Vermutung, dass das Hotzenhaus von allen Haustypen noch den engsten Bezug zum Haus der germanischen Landnahme in Süddeutschland und in der Nordschweiz vorweist. Die wissenschaftliche Beweisführung ist im Gange.
Der Firstständerbau mit behauenen Ständern in der Nachfolge des Firstsäulenbaus mit kaum bearbeiteten Baumstämmen gilt als die älteste Holzbauweise in Europa. Schon in der Steinzeit um 3000 v.Chr. benutzte man zum Säulenbau Baumstämme mit Astgabeln, auf welche ein Stamm zur Bildung des Firstes waagrecht aufgelegt und mit Seilen befestigt wurde. Der Firstständerbau war bis ins Mittelalter in Europa weit verbreitet. In den Alpenländern und in den Ländern Nord- und Osteuropas bevorzugte man mehr den Blockbau, bei dem die Stämme zur Wandbildung waagrecht übereinandergelegt und befestigt werden. Der südliche Schwarzwald und die nordwestliche Schweiz bilden zusammen das letzte Rückzugsgebiet des Firstständerbaus in Europa.
Aus dem Firstständerbau hat sich allmählich der Fachwerkbau entwickelt, der zum traditionellen Haustyp für viele Gebiete in Deutschland wurde, aber auch in anderen Ländern wie Frankreich und England Verbreitung fand. In Richtung Mittelmeer war schon immer der Steinbau dominierend. .
Wir fassen zusammen: Das Hotzenhaus gehört zum letzten Rückzugsgebiet des einst in Europa weit verbreiteten Firstständerbaus und weist als einziger Haustyp noch einen inneren Umgang wie die alamannischen und bajuwarischen Häuser des frühen Mittelalters auf. Diese Feststellungen heben das Hotzenhaus weit über eine nur regionale Bedeutung heraus; sie machen es zu einem Kulturdenkmal von überregionalem und grenzüberschreitendem öffentlichen Interesse!
Das Haus in Zechenwihl ist überdies das einzige traditionelle Hotzenhaus, das noch an seinem ursprünglichen Standort steht und stehen bleiben kann.
Dieses Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, wie es in das Denkmalbuch eingetragen ist, gilt es nun zu retten! Dazu bedarf es:
• finanzieller Mittel, um es zu kaufen und teilweise zu sanieren,
• Leute, die tatkräftig dabei mithelfen und es in Zukunft betreuen, und
• einer Nutzungskonzeption, die es zu einem kulturellen Erlebniszentrum werden lässt.

Die Ortsgruppen Murg und Laufenburg des Schwarzwaldvereins haben die Initiative ergriffen - ihnen sei Dank! Sie suchen jedoch noch viele weitere Helfer, denn es ist nicht leicht, in einer Zeit öffentlicher Finanznot und sinkendem Interesse für das ehrenamtliche Engagement ein solches Werk anzugehen. Alle, denen unser kulturelles Erbe am Herzen liegt, sind aufgerufen, mitzuhelfen. Als erstes soll der "Verein zur Erhaltung des Zechenwihler Hotzenhauses" gegründet werden. Wer interessiert ist, darin mitzuarbeiten, kann sich beim Vorsitzenden der Murger Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins, Herrn Albin Greiner, Tel. 07763/6544, melden. Als Bürger-Initiative des Hochrheins wollen wir gemeinsam ein Stück Heimat retten!