Das Pestkreuz von Indlekofen

Von Horst Boxler, Bannholz

Nach einem Artikel über Indlekofen und besonders den Brunnerhof von Hans Matt-Willmatt aus dem Jahre 19601 wird das Dorf erstmals im Jahre 1265 als Inglikoven erwähnt. In der Folgezeit entwickelte sich die Besiedlung aus zwei großen Hofgütern, dem Brunner- und dem Jehle-Hof, die beide später dem Kloster Berau zinspflichtig waren. In Zinsaufzeichnungen Beraus wird der Brunner-Hof im Jahre 1494 als das alt Gut bezeichnet. Ein Hausname späterer Zeit, Siemichels, verweist auf Simeon Michael Brunner, im 18. Jahrhundert lebend, dessen Name wahrscheinlich zur Unterscheidung zu einem anderen Brunner auf den Hof überging. Nach Habsburgs Aufstieg hatte Österreich die hohe, die Freiherren v. Krenkingen bis zu ihrem Aussterben um 1500 die niedere Gerichtsbarkeit inne. Danach stellten sich die Indlekofer unter den Schutz Waldshuts.

Während der Belagerung der Waldstadt im Jahre 1468 wurde ein St. Blasischer Hof gebrandschatzt, nicht aber die beiden genannten, noch älteren Höfe. Über das Schicksal des Anwesens während des Dreißigjährigen Krieges ist nichts Spezielles bekannt, doch dürfte es wie fast alle Gehöfte in ungeschützter Lage ein Opfer der schwedischen Soldateska geworden sein, die 1638 in unserer Gegend wütete, die Bauern zwang, in die Wälder oder in die Städte zu fliehen und es ihnen erst einige Jahre später gestattete, ihre verwüsteten Hofstätten wieder aufzubauen2. Während dieser Jahre, in denen die marodierenden Soldaten, die ihr ursprüngliches Kriegsziel nach der Schlacht von Lützen 1632 aus dem Blick verloren hatten und die unermeßliches Leid über die Bevölkerung brachten - manche Gegenden des Deutschen Reiches büßten ein Drittel bis die Hälfte ihrer Menschen ein - entstanden als Ausdruck der Dankbarkeit und der Hoffnung häufig sogenannte Pestkreuze, so auch auf dem Gelände des Brunner-Hofes in Indlekofen3. Auch wenn es einer Jahreszahl entbehrt, steht es in Typus und Tradition in einer Reihe mit anderen, während zum Beispiel das Kreuz auf dem Waldkircher Friedhof, das erst 1696 errichtet wurde und lediglich mit einer Sonne, einem Mond, einem Stern und der Jahreszahl verziert ist, vergleichsweise primitiv in der Ausführung ausfiel. Gleichzeitig zeugen Größe und Kunstfertigkeit der Arbeit von der sozialen Stellung der Brunner-Familie, die trotz Zerstückelung der Höfe durch die Realteilung bedeutsam blieb, was sich auch darin dokumentiert, daß sie durch Jahrhunderte Vögte, Geschworene, Gemeinderäte und Bürgermeister stellte. Welchem Gelöbnis das Kreuz seine Entstehung zu verdanken hat, läßt sich heute nicht mehr nachvollziehen, sei es allgemeiner, gläubiger Dankbarkeit vor Errettung in schwerer Zeit oder einem Versprechen ganz persönlicher Art. Von der Art her entspricht das Kreuz dem klassischen Muster: im Zentrum der dornengekrönte Christuskopf vor dem Hintergrund eines Tuches4, darüber die Inschrift INRI 5. Auf dem Querbalken, vom Betrachter rechts, Axt und Lanze, außen Christi Hand, links Hammer und Zange und wiederum eine Hand des Gekreuzigten. Absteigend auf dem Stamm das bekreuzte Herz Christi über einem Kelch mit der Hostie, darunter Geißelwerkzeuge, seine gekreuzten Füße, ebenfalls gekreuzt ein Rohrstock und ein Messer und zuletzt der Stumpf einer Säule mit darübergelegten Geiselschnüren, ein beliebtes Motiv der Malerei, wobei Christus während der Geißelung oft an einer römischen Säule angekettet war. 

In den Fünzigerjahren des 20. Jahrhunderts ist das Kreuz, das Schaden genommen hatte, schon einmal saniert worden, doch 1984 war es schon wieder so weit, daß der rechte Arm des Querbalkens abzufallen drohte. Auf fast unheimliche Weise verband sich sein Schicksal mit dem der Altbäurin Rosa Brunner, geborener Schupp. Sie sah sich mit dem geliebten und verehrten Kreuz in besonderer Weise verbunden und äußerte wohl mehrmals, daß sie sterben werde, wenn der Arm endgültig abfalle. Wenige Tage, nachdem er zu Boden gestürzt war, mußte sie ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo ihr beide Beine amputiert wurden, ein Eingriff, den die alte Frau nicht mehr überstand.

Auf das traurige Schicksal des Kreuzes aufmerksam geworden, wandte sich der Autor nach Rücksprache mit der Familie Ebner-Brunner an das Landratsamt Waldshut als örtliche Denkmalbehörde, das schnell und unbürokratisch reagierte und einen erheblichen Betrag zur Verfügung stellte, um das Kreuz zu retten. Leider war dies das letzte positive Signal, das es um das Indlekofer Pestkreuz zu berichten gibt.

Zehn Jahre später zeigten sich wiederum schwere Schäden nicht nur am zuvor gesicherten Querbalken, sondern auch an den Reliefs, die abzuplatzen drohten, sicher besonders gefördert durch den direkten Standort des Kreuzes an der Landstraße zwischen Bannholz und Gurtweil, die vor der Errichtung der Brücke, die die B 500 in die B 34 leitet, dem Schwerverkehr zwischen Rotterdam und dem Bodenseeraum als Abkürzung diente. Die Familie wandte sich daher hilfesuchend an das Landesdenkmalamt Freiburg und erbot sich, das Original der Behörde zu überlassen und eine Nachbildung beim Hof aufzustellen. Dieser Gedanke fand auch Zustimmung, doch weitere Kontakte fanden nicht statt. Neue Hoffnung entstand, als das Land mit Unterstützung des Schwäbischen Heimatbundes und des Schwarzwaldvereins Ende des Jahres 2001 eine großangelegte Aktion ins Leben rief, um Kleindenkmale zu erfassen und sanieren zu können6. Umgehend wurde ein Erfassungsbogen der GEEK7 ausgefüllt und abgesandt, wiederum ohne jegliche Reaktion. Daß man doch wohl mancherorts tätig wurde, geht aus einem Bericht über eine Gemeinderatstagung in Küssaberg vom 12. Juni 2002 hervor, doch für Indlekofen geschah nichts.

Nachdem nun auch der Christuskopf weitgehend abgeplatzt ist - für die Familie als zentrales Zeichen ihres über die Jahrhunderte verehrten Kreuzes ein besonders schlechtes Omen - überlegt man sich, das Kreuz in den Gewahrsam des im Aufbau befindlichen Heimatmuseums der Kirchgemeinde Weilheim zu geben, damit es nicht vollständig zerfällt.

Besonders traurig erscheint dieser Umstand, da es in der Vergangenheit gelang, mit relativ unbürokratischen Mitteln Abhilfe zu schaffen, während man sich nun fragen muß, weshalb nach weiteren 18 Jahren der gute Wille von privaten Eigentümern derart ins Leere laufen muß.

(Footnotes)

1) Hans Matt-Willmatt, Indlekofen stand unter dem Schutz der Stadt Waldshut, Südkurier vom 23. Juli 1960; im wesentlichen wiederholt in: ders., Das Dorf entwickelte sich aus zwei Hofgütern, Südkurier vom 16. Juni 1967, und ders., Der Magistrat bestrafte Proteste mit Exekution und Turm, Südkurier vom 7. Mai 1971.

2) Dazu exemplarisch für diese Ereignisse einschließlich dendrochronologischer Messungen der Universität Stuttgart-Hohenheim Horst Boxler, Die Wagnerei in Bannholz, Bannholz 1986. Messungen an zwei tragenden Balken des Dachgestühls ergaben, daß hierfür frisches Holz zweier 98 und 79 Jahre alter Tannen benützt wurde, die beide im Winger 1642/43 geschlagen und im Frühjahr 1643 verbaut wurden.

3) Eine umfassende Arbeit über diese Kleindenkmale wurde von Bernhard Losch, Steinkreuze in Baden-Württemberg, Stuttgart 1981, vorgelegt. Das Indlekofer Kreuz ist darin jedoch nicht erwähnt.

4) Für das Schweißtuch der Veronica etwas ungewöhnlich in der Form, doch ist eine solche Bezugnahme nicht auszuschließen.

5) Iesus Nazarenus Rex Iudaorum = Jesus von Nazareth König der Juden, wobei manche Forscher auf den Widerspruch aufmerksam gemacht haben, daß nach der Überlieferung Jesus eben nicht aus Nazareth stammte, sondern aus Bethlehem. Vielmehr stand Nazarenus für Nazaräer, die ursprüngliche Bezeichnung für Christen, die später nur noch für die syrischen Jüdenchristen galt. Nach einer anderen Version bestünden Zusammenhänge mit den Sikariern, einer radikalen Vereinigung, deren Ziel die Befreiung Palästinas von der römischen Herrschaft war. Und immerhin wurde Christus, zumindest von den Römern, nicht wegen seiner abweichenden religiösen Meinungen, die ihnen völlig gleichgültig waren, verurteilt, sondern als Staatsfeind.

6) Über die zwischenzeitlichen Erfolge berichtete zum Beispiel die Schwäbische Heimat in ihrem Heft 3/2002, S. 343f£ Für den Aufruf im Landkreis Waldshut zeichnete nach einer Zeitungsnotiz Frau Dr. Petra Wichmann vom Landesdenkmalamt verantwortlich. 

7) Gesellschaft zur Erhaltung und Erforschung der Kleindenkmale in Baden-Württemberg e. V, 17. Januar 2002.

 

zurück